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Kommentar

„Neustart der Energiewende“: Das Schreddern der Ausbauziele ist keine gute Option

Wow, das klingt mal nach einer guten Nachricht: Die Energiewende könne um 300 Milliarden Euro günstiger werden und deshalb der Strompreis um bis zu 25 Prozent bis 2035 sinken, heißt es in einem aktuellen Gutachten mit dem tatkräftigen Namen „Energiewende auf Kurs bringen“. Erstellt wurde von der Boston Consulting Group (BCG) im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Vorschläge zur Korrektur der Energiewende haben gerade Konjunktur. Auch Eon und RWE haben jetzt in einem Positionspapier zum „energiepolitischen Neustart“ aufgerufen. Auch hier ist von einem Einsparpotenzial im dreistelligen Milliardenbereich die Rede, sollten die Vorschläge der beiden Konzerne umgesetzt werden.

Eingespart werden soll beim Ausbau der Netze und der Erneuerbaren

Dass sich derzeit viele zum Thema Energiewende äußern, überrascht nicht. Schließlich verhandeln CDU und SPD über einen Koalitionsvertrag, in dem wichtige Weichen für die Energieversorgung gestellt werden. Bei allen Differenzen zwischen den Partnern darf man eines annehmen: Das Kostenargument sticht bei sowohl bei CDU als auch bei SPD, schließlich sehen sich die Konservativen als Anwalt der Arbeitgeber und die Sozialdemokraten als Hüterin der „kleinen Leute“ und der Industriearbeitsplätze – hohe Energiepreise passen da nicht ins Konzept. Sparvorschläge sind sicher hochwillkommen.

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Interessant ist aber, wie die Milliarden nach Ansicht von BDI, RWE und Eon eingespart werden sollen: vor allem durch einen verlangsamten Ausbau der Erneuerbaren und der Netze. Nach Ansicht der drei Player steigt nämlich der Strombedarf langsamer als bisher berechnet. Die Ausbaupläne sollten sich daher an der Realität orientieren und nicht an politischen Zielen.

Finanzpaket ebnet den Weg für die Energiewende

Der BDI rechnet vor: Die Ziele für 2030 in den Bereichen E-Mobilität, Wärmepumpen und die Nachfrage nach Wasserstoff seien nicht mehr erreichbar, deshalb würden 2030 voraussichtlich 100 TWh Strom weniger gebraucht als in den Langfristszenarien des Bundeswirtschaftsministeriums angenommen.

Alarmglocken läuten

Mal abgesehen davon, dass bei allen, die schon lange in der Erneuerbaren-Branche tätig sind, die Alarmglocken läuten, wenn von „Neustart“, „auf Kurs bringen“ oder ähnlichem die Rede ist – die Argumentation des BDI-Papiers leuchtet nicht ein. Es stimmt, die Ziele bei Wärmepumpen, Elektroautos oder Wasserstoff sind ambitioniert und vielleicht tatsächlich bis 2030 nicht zu schaffen. Soll man sie deshalb aufgeben? Nein. Denn das könnte fatale Folgen haben. Politisch formulierte Ziele haben mehr als Symbolcharakter - sie schaffen Verlässlichkeit für langfristige Investitionen. Wir brauchen jetzt keine Diskussion um das Verbrenner-Aus oder die Sinnhaftigkeit von Wärmepumpen, die mit einer Senkung der Ausbau-Ziele mit Sicherheit einhergehen.

Kurs halten: BWE und IG Metall appellieren an die künftige Bundesregierung

Dass die Stromnachfrage nicht so stark steigt wie derzeit angenommen, erscheint zudem fragwürdig. Die Elektrifizierung des Gebäude- und Verkehrssektors muss dringend an Fahrt aufnehmen, um die Klimaziele zu erreichen. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden als zusätzliche Verbraucher die Nachfrage antreiben. Sicher ist es richtig, Soll und Ist der Energiewende regelmäßig abzugleichen. Doch die Ziele zu schreddern, weil die Umsetzung schwierig ist, kann nicht die Lösung sein. Denn es geht ja nicht um die Energiewende als Selbstzweck. Sondern es geht darum, den Klimawandel zu stoppen. Eine Verzögerung der Energiewende können wir uns unter diesem Gesichtspunkt nicht leisten.